„Wie beim Gottesdienst“: Gisela Sommer und Inge Borg über 20 Jahre Kiezbingo

Gisela Sommer und Inge Borg moderieren mit bösem Humor und spitzen Pointen das Kiezbingo im SO36, das vor 20 Jahren erstmals stattfand. Im SIEGESSÄULE-Interview blicken die stadtbekannten Transvestiten zurück auf die Geschichte einer Abendveranstaltung der ganz besonderen Art
Seit 20 Jahren gibt es das Kiezbingo auf Kreuzberger Art. Glückwunsch! Wann ist endlich Schluss? Gisela: (lacht) Ich weiß nicht genau. Wir haben zwischendurch auch mal ein bisschen geschwächelt, dann aber beide wieder neuen Schwung gefunden. Manchmal glaube ich, irgendwann kommt keiner mehr, weil die Leute die Schnauze dermaßen voll haben von dieser Strumpfhosenkacke.
Ein Gewinn, auf den alle warten. Denn das Publikum erkennt darin eindeutig ein Kleidungsstück und fordert an dieser Stelle gewohnheitsgemäß: „Ausziehen!“ G: Es haben tatsächlich auch schon Leute mehr ausgezogen, als sie eigentlich sollten. Man hat dabei auch einigen Unterhosen angesehen, dass an ihnen vor zwei Tagen gerochen wurde und man dachte: Ach, die geht noch mal.
Die Veranstaltungsuntertitel des Kiezbingos sind legendär. „Vom Eise befreit sind Transen und Bäche“, „Neues Jahr, alte Hüfte“ – wie kann man sich so eine Titelfindung vorstellen? G: Wir haben ein Team von Autoren, die Meyers Konversations-Lexikon von 1981 aufgeblättert haben … (lacht) Nein, die Wahrheit ist, dass Inge Borg das schon immer, bis heute, alleine macht. Inge: Man guckt auf seine Musik-Playlist, die heißt Müll und diverses, deutsche Schlagertitel und ähnlich Schönes, und dann wird so was ausgewählt.
„Es haben tatsächlich auch schon Leute mehr ausgezogen, als sie eigentlich sollten“
Welche Publikumsfraktion hasst ihr am meisten? I: Betriebsfeiern. G: Betriebsfeiern. I: Die kommen sternhagelvoll an und müssen dann in der Gruppe Spaß haben und jeder versucht noch lauter zu sein als die Kollegin, die schon fast unterm Tisch liegt. G: Aber irgendwie gehört das auch dazu. (lacht)
Die Spendenerlöse der Spielscheine gehen immer an einen guten Zweck, meistens politische Projekte. Wie politisch ist das Kiezbingo? I: Als wir das Bingo vor zwölf Jahren übernommen haben, haben viele von uns erwartet, dass wir die Veranstaltung politischer machen – denn wir kommen ja aus einer sehr politischen Ecke mit Rattenbar und Tuntenhaus. G: Es ist klar politisch, allein durch die Auswahl der Gruppen, die wir mit den Spenden unterstützen. Das sind Projekte, die von staatlicher Seite keine oder kaum Unterstützung erfahren. Wir sind aber nicht als politische Satirikerinnen unterwegs, das müsste man ja auch vorbereiten. (lacht) Aber ich bin jedes Mal bemüht, etwas Böses gegen die CSU zu sagen.
Seid ihr sehr besoffen auf der Bühne? I: Nein. G: Wir vertragen überhaupt keinen Alkohol. Wir trinken meistens Holunderbrause. I: Manchmal trinke ich auch Fencheltee. G: Kalten, abgestandenen Fencheltee. I: Gerade in den Wintermonaten ist das gut für die Stimme.
Was waren die schönsten und schlimmsten Gewinne, die je verlost wurden? I: Die Gewinne werden ja von Läden im Kiez gespendet, entsprechend durcheinander geht das. Ich kann mich an ein monströs großes Dekorationselement erinnern, einen mit Stoff bespannten Holzkubus, der einfach viel zu groß zum Transportieren war. G: Das war insofern ein bisschen bescheuert. I: Wir hatten auch schon mal einen Sack Kartoffeln, das fand ich sehr schön. Genau das Richtige, wenn man betrunken vom Kiezbingo nach Hause kommt und erst mal Bratkartoffeln machen will. G: Aber eigentlich sind alle unsere Gewinne toll. I: Ganz am Anfang gab’s sogar mal einen Hubschrauberflug über Berlin zu gewinnen. Denn als das Kiezbingo noch ganz jung war, war der Chef der Spielbank öfter da, und der war großer Fan.
„Ich bin katholisch aufgewachsen und liebe merkwürdige Rituale. Das Publikum offenbar auch“
Ums Kiezbingo ranken sich zahlreiche Mythen. So rastet das Publikum komplett aus, wenn die Zahl elf gezogen wird – „den Elf“, wie Gisela dann frenetisch ankündigt. I: Das kommt noch aus der Zeit vor 2006, als unsere Vorgängerinnen Kitty Carell und Mary Wijnvoord das Bingo mit niederländischem Akzent moderiert haben. Wir wollten einige Elemente aus der alten Show erhalten. G: Ich bin halt auch katholisch aufgewachsen und liebe merkwürdige Rituale. Das Publikum offenbar auch. Das „Ausziehen!“-Brüllen und „den Elf“ und der „Dalli Dalli“-Spruch „Das war spitze!“, das gehört einfach dazu, wie beim Gottesdienst.
Seit Dezember 2017 wird nach der Beschwerde eines Zuschauers das Rauchverbot im SO36 rigoros durchgesetzt. Was ist eure Botschaft als Kettenraucherinnen an den Denunzianten? I: Stirb. (lacht) Oder fang an zu rauchen. G: Die Person hat ja die gesamte Veranstaltung über dort gesessen und sich erst im Nachhinein beschwert. Da fragt man sich natürlich, warum der Mensch nicht sofort wieder geht, um seine Gesundheit zu retten, oder sofort was sagt. Vielleicht nicht gerade den Moderatorinnen, die ziemlich in Fahrt sind vom Fencheltee, aber im SO36 gibt es ja durchaus Ansprechpartner. Diese Anschwärzerei und dieses Pharisäertum und moralinsaure Aufregen über anderer Leute Verhalten finde ich ohnehin zum Kotzen.
Was wünscht ihr euch für die nächsten 20 Jahre? I: Überleben. Aber im Ernst, 20 weitere Jahre sind ja Quatsch. Ich wollte ursprünglich mit 40 aufhören, dann mit 45, und hier bin ich nun. G: Ich würde mich freuen, wenn es noch eine Weile weitergeht, weil es mir eigentlich ganz gut tut. Solange die Leute gerne kommen und es lustig finden – und das SO36 uns weiterhin haben will. Noch sind sie von uns nicht genervt. I: Oder sie erinnern sich nach jeder Show nicht mehr dran.
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