Rote Fahnen oder Red Flags: Die Beziehungsmuster der Linkspartei
Vom Break-up zum Glow-up: Die Partei Die Linke musste von Sahra Wagenknecht verlassen werden, um ihr Potenzial neu zu entdecken. SIEGESSÄULE-Autorin Elira Halili kommentiert die Entwicklungen der Partei und appelliert jetzt nicht in ein unreflektiertes Fandom abzurutschen
Die Partei Die Linke konnte bei der vergangenen Bundestagswahl 8,8 Prozent und über 80.000 neue Mitglieder für sich gewinnen. Schon vor der Wahl stiegen die Umfragewerte unerwartet hoch an, besonders weil sie sich sozialpolitisch auf die realen Probleme der Menschen fokussierte, zum Beispiel steigende Mietpreise. Die Partei war bereit für ihren Hot Girl Summer – der wegen vorgezogener Wahlen schon im Februar stattfand. Das war aber kein Problem. Sie hat durch ihre Social-Media-Stars Caren Lay, Heidi Reichinnek und Gregor Gysi extremen Rizz bewiesen und Millionen Menschen erreicht. Wie kommt es, dass die Partei nun wieder „in“ ist und gerade von jungen, linken Wähler*innen gefeiert wird, wenn die antifaschistischen Einstellungen der Linken nur bis zu den deutschen Grenzen reicht?
Wendepunkt der Linken: Austritt Wagenknechts
Blicken wir zurück auf den Break-up zwischen der Linken und Sahra Wagenknecht: Es lief schon lange holprig. Der Versuch, nach außen das Bild einer stabilen Beziehung aufrechtzuerhalten, ist kläglich gescheitert. Und dann kam der Tag – trotzdem überraschend. Es ist vorbei! Die eine Person lief aus der Beziehung und war schon beim Hinausgehen dabei, sich Hinge herunterzuladen, während die andere zerstört zurückblieb. Wagenknechts Austritt im Oktober 2023 markierte einen Wendepunkt für die Partei.
Als wäre der Break-up für das Image der Partei nicht schlimm genug gewesen, hatte Wagenknecht dann sogar schon eine Neue.
Während sich weite Teile der Linken für eine offene und solidarische Migrationspolitik aussprachen, näherte sich Wagenknecht immer weiter rechten Narrativen an. Sie warf der Linken vor, zu sehr auf Themen wie Gender, Klima und Antirassismus zu setzen – warum auch immer das ein Vorwurf sein sollte. Besonders für ihre außenpolitischen Standpunkte gegenüber der Ukraine und ihre Russlandnähe stand Wagenknecht in der Kritik. Das Ende der Linken war durch die innerparteilichen Streitigkeiten quasi vorprogrammiert. Als wäre der Break-up für das Image der Partei nicht schlimm genug gewesen, hatte Wagenknecht dann sogar schon eine Neue. Schnell kündigte sie die Gründung des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) an, die dann im Januar 2024 folgte. Dabei nahm sie auch noch zehn Abgeordnete aus der Linken mit, obwohl sie die Mandate doch gemeinsam geholt hatten.
Es sah nicht gut aus für Die Linke. Anfangs saß sie noch weinend vor dem Spiegel, schnitt sich einen schrägen Pony und sprach sich Selbstliebe-Affirmationen zu. Doch dann kam der große Aha-Moment: „Ich war nicht das Problem!“ Ohne Wagenknecht hatte die Partei deutlich weniger Dauerdrama. Und so begann die klassische Post-Trennungs-Transformation, die in einem direkten und Bürger*innen-nahen Wahlkampf mit Erfolg endete.
Und Sahra? Läuft nicht so rund. Dabei hat sie doch endlich ihre eigene Partei, in der sie unter dem Deckmantel des „linken Konservatismus“ queerfeindliche und diskriminierende Politik macht. Spätestens nach ihrem peinlichen Versuch, sich mit einer Klage doch noch über die Fünf-Prozent-Hürde zu retten, war klar: Sie ist die Verliererin der Trennung. Als wäre das nicht cringe genug, wollen die mitgezogenen Abgeordneten des BSW jetzt doch wieder zurück zur Linken. Das nennt man auch Rebound-Effekt.
Innerparteilichen Streitigkeiten
Aber Achtung: Auch wenn Die Linke gerade heiß begehrt ist sollten sich linke, antifaschistische Wähler*innen nicht von den Thirst-Traps täuschen lassen. Sie ist noch nicht bereit für eine neue Beziehung und braucht in ihren außenpolitischen Standpunkten dringend Therapiestunden. Ja, sie sieht Russland als Aggressor, spricht sich aber gegen militärische Unterstützung der Ukraine aus. Eine Waffenruhe in Gaza fordert sie, doch eine klare Verurteilung des völkerrechtswidrigen Handeln der israelischen Regierung bleibt aus. Innerhalb der Linken gibt es weiterhin Spannungen, die vielleicht mehr mit der Debatte hierzulande zutun haben, als mit dem tatsächlichen Geschehen. Typisch linkes Verhalten also.
Die innerparteilichen Streitigkeiten, wenn es um Außenpolitik geht, sind auch ohne Wagenknecht nicht ganz verschwunden. Die Debatte um den Nahost-Konflikt und die Ukraine erinnert an die Geschichte der Linken in Bezug auf die Jugoslawienkriege. Die Linke steht bis heute gegen den NATO-Einsatz im Kosovo. Der Genozid an den Bosniaken wurde als „westliche Propaganda“ bezeichnet, und Kriegsverbrechen wurden systematisch geleugnet. Es ist der heißgeliebte, eingeölte Gregor Gysi, der 1999 dem damaligen serbisch-nationalistischen Diktator Slobodan Milošević die Hand schüttelte, während unter seiner Herrschaft 150.000 Menschen starben. Teile der Partei haben mit dem Regime sympathisiert, einfach weil es „sozialistisch” war.
Pazifismus ist eine wertvolle Haltung, aber wenn er in einer nicht-pazifistischen Welt Menschenleben kostet, wird er ideologisch.
Kritik an militärischen Interventionen und Militarisierung ist extrem wichtig und berechtigt. Doch Die Linke stellt ihre dogmatischen Überzeugungen über die Realität der Betroffenen. Pazifismus ist eine wertvolle Haltung, aber wenn er in einer nicht-pazifistischen Welt Menschenleben kostet, wird er ideologisch. Wenn sich Die Linke ihre Fehler eingesteht und der außenpolitischen Realität ins Auge blickt, hat sie das Potenzial, eine solidarische und gerechte Politik in den kommenden Bundestag zu bringen.
In seiner Eröffnungsrede im Bundestag betonte Alterspräsident Gregor Gysi, dass es nicht darum gehe, keine Verteidigungsausgaben zu tätigen, sondern diese gezielter einzusetzen. Er kritisierte die private Rüstungsindustrie, die von Kriegen profitiert, und argumentierte, dass Frieden näher rücke, wenn niemand mehr daran verdiene. Ein Signal, dass Die Linke regierungsfähig werden will? Oder fühlt sie sich weiterhin wohl in der Opposition? Eins ist klar: Linke Positionen in der Regierung sind gerade in Zeiten eines stetigen Rechtsrucks besonders wichtig. Um das zu erreichen, müssen wir sie aber weiter kritisieren. Denn wenn wir die Red Flags der Linken ignorieren, ist der Herzschmerz für uns nicht mehr weit entfernt.
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