Kolumne: Sex-Positionen

Mit dem Kopf unterm Klo: Queere Utopie im BDSM-Studio

4. Apr. 2025 Jeff Mannes
Bild: privat
Jeff Mannes im BDSM-Studio Atrium

SIEGESSÄULE-Autor Jeff Mannes bietet verschiedene queere und kinky Stadtführungen durch Berlin an. Eine Station: Das BDSM-Studio Atrium. In unserer Sex-Kolumne ergründet er, was das Etablissement (und ähnliche Orte) emanzipatorisch macht – für Menschen, die dort ihre Fantasien ausleben, aber vor allem für die dort beschäftigten Sexarbeiter*innen

Ein langer, schmaler, gefliester Raum – an einem Ende befindet sich ein Duschkopf, am anderen: eine Toilette. Doch diese Toilette hat keine Rohre, keine Spülung, keine feste Verbindung mit Wand oder Boden. Stattdessen: ein Latexschlauch unter dem Sitz, mit einer Öffnung, in die gerade mal ein Kopf hineinpasst.

Und das ist auch so gewollt. Neben mir steht Kolja Nolte, besser bekannt als „Der Dominus“. Mit Kolja bin ich seit einigen Jahren befreundet und habe seine Reise bis zur Eröffnung dieses Etablissements mitverfolgt. Denn Kolja ist hier der Chef. Andere würden sagen: Besitzer eines BDSM-Studios. Aber eigentlich ist das hier viel mehr.

Ich komme regelmäßig hierher – allerdings nicht zum Spielen (was nicht heißt, dass ich nie … na ja, anderes Thema). Ich führe meine Gäste im Rahmen der „Kinky Taboos: Berlin After Dark“-Stadtführung durch diese Räume. Und jedes Mal passiert dasselbe: großes Staunen. Und Überraschung darüber, wie nahbar dieser Ort ist.

Bei meinem letzten Besuch führte ich gerade eine kleine Gruppe durch den samtverhangenen Vorraum, vorbei an kunstvoll gerahmten Sextoys, hinein ins Herzstück des Atriums. Und wir wurden Zeug*innen einer besonderen Szene: Auf einem schweren, schwarzen, reich verzierten Holztisch lag eine nackte Person. Auf dem Körper: Sushi. Ordentlich drapiert. Um den Tisch saß eine Handvoll Sexarbeitender – unter ihnen Kolja – auf thronartigen Stühlen und genoss das Festmahl. „Möchte jemand probieren?“, fragte Kolja frech. Und tatsächlich: Einer meiner Gäste ließ sich nicht zweimal bitten.

„Was das Atrium wirklich besonders macht: Es ist ein Studio von Sexarbeitenden für Sexarbeitende.“

Das Atrium ist nicht irgendein Domina- und Bizarrstudio. Seit seiner Eröffnung im Oktober 2024 ist es das größte seiner Art in Berlin: 800 Quadratmeter, 15 Spielräume, große Terrasse. Und die eben erwähnte „Tagestoilette“ ist der meistgebuchte Service: Besonders cis Männer zahlen gerne dafür, stundenlang mit dem Kopf unter der Toilette zu liegen und dem Klackern von High Heels auf dem Flur zu lauschen – nicht wissend, wann sich ein Paar davon in den Raum verirrt, um sich einer Notdurft zu entledigen.

Die zum Atrium gehörende Fetisch-Klinik ist so hochrealistisch ausgestattet, dass sie jeden Krankenhaus-Halluzinationstraum übertrifft. Besonders der OP-Saal beeindruckt – mit echtem Operations-Mobiliar und -Instrumenten, deren Namen ich mir nie merken kann. Die Sexarbeiter*innen hier aber schon. Denn alle, die in der Klinik arbeiten, haben eine medizinische oder pflegerische Ausbildung. Authentische, medizinische Rollenspiele sind gefragt.

Im Atrium werden die wildesten Träume Wirklichkeit. Selten hat dieser abgedroschene Spruch so sehr gepasst. Was das Atrium wirklich besonders macht: Es ist ein Studio von Sexarbeitenden für Sexarbeitende. Eine queere Kommune mit Dominas, Domini und anderen Sexarbeiter*innen, die diesen Ort gemeinsam gestalten – und nicht nur Lust stiften, sondern auch Politik machen.

Kein Fetisch ist zu schräg

Hier begegnen mir Sexarbeitende aller Geschlechter und Sexualitäten: cis, trans, inter, nicht-binär, schwul, hetero, bi, lesbisch – alles da. Menschen mit unterschiedlichen Herkünften. Was sie eint, ist ein klarer politischer Anspruch. Es geht nicht nur um Fetisch, sondern um Sichtbarkeit, Empowerment und kollektive Selbstorganisation.

„Es geht nicht nur um Fetisch, sondern um Sichtbarkeit, Empowerment und kollektive Selbstorganisation.“

Die Mitarbeitenden bestimmen ihre Arbeitszeiten selbst, organisieren Öffentlichkeitsarbeit, Aufklärung, politische Gespräche. Zwar leitet Kolja das Studio – aber Befehle bellt er höchstens gegenüber den Kund*innen. Stattdessen: flache Hierarchien, keine „Hurenhierarchien“. Niemand wird herabgewertet, weil er*sie „nur“ Blasen anbietet oder „nur“ Anal macht. Jede Form der Sexarbeit zählt. Auch die unberührbare Domina, die mit einem Blick mehr erreicht als andere mit ihren Händen.

Tagestoilette, Fetisch-Klinik, Fickmaschine – das mag für Außenstehende absurd klingen. Aber genau hier zeigt sich die Stärke des Atriums: Niemand wird ausgelacht. Kein Fetisch ist zu schräg, zu viel oder zu peinlich. Das Studio stellt sich darauf ein. Mit Pissoir für Nassspiele (einzigartig in Europa). Mit Sicherheitsvorkehrungen. Mit Wissen über Grenzen, Kommunikation und Hygiene.

Und mit der Erkenntnis: Reine Hetero- oder Homosexualität ist selten. Viele Gäste erzählen nach ihren Sessions, wie spannend sie es fanden, dass andere Geschlechter anwesend waren oder zugesehen haben. Weil es nicht um Identität geht, sondern um Neugier. Um Lust. Um das Ausprobieren von Dingen, die man sonst vielleicht nur nachts heimlich googelt.

„Wenn Freier sich verstecken müssen, verlieren Sexarbeitende Kontrolle – über den Ort, die Zeit, die Auswahl. Sie müssen mehr Risiken eingehen und können schlechter filtern.“

Während im Atrium eine Welt sexueller Freiheit aufgebaut wird, brodelt es draußen politisch. Immer wieder wird das sogenannte „nordische Modell“ diskutiert – also die Idee, Sexarbeit zu „bekämpfen“, indem man Freier kriminalisiert. Die Verfechter*innen behaupten, es gehe um „Schutz von Prostituierten”. In Wirklichkeit ist das Modell brandgefährlich. Studien aus Kanada, Irland, Frankreich und Schweden zeigen: Wo das nordische Modell eingeführt wurde, stieg die Gewalt gegen Sexarbeitende. Ebenso das Risiko für HIV und andere STI. Denn wenn Freier sich verstecken müssen, verlieren Sexarbeitende Kontrolle – über den Ort, die Zeit, die Auswahl. Sie müssen mehr Risiken eingehen und können schlechter filtern.

Mythen über Sexarbeit dekonstruieren

Gesetze wie das nordische Modell, das beispielsweise die CDU fordert, oder das deutsche „Prostituiertenschutzgesetz“ sind oft Ausdruck von Hurenfeindlichkeit und Mythen über Sexarbeit. Das Prostituiertenschutzgesetz bringt hohe bürokratische und finanzielle Hürden für Sexarbeiter*innen und kreiert oftmals Rechtsunsicherheit. Es wird unter anderem von jenen verteidigt, die behaupten, es solle Sexarbeitende vor ausbeuterischen Bordellen schützen. Dabei wird es ausgerechnet von jenen kritisiert, die das Gesetz angeblich „schützen” soll: Sexarbeitenden selbst. Zudem ist das Atrium genau das Gegenteil von einem Bordell, in dem Sexarbeitende ausgebeutet werden. Es ist ein Ort, an dem Sexarbeiter*innen selbstbestimmt arbeiten können. Auch deshalb mache ich diese Touren: Um Vorurteile abzubauen. Und nichts wirkt besser als direkter Kontakt.

Deshalb: Geht an solche Orte wie das Atrium. Viele Studios bieten – wie das Atrium – eigene Backstage-Touren an. Geht hin. Nicht unbedingt, um euch gleich auf einen gynäkologischen Stuhl schnallen zu lassen (außer ihr wollt). Aber um zu sehen, was möglich ist. Wie Sexarbeit auch sein kann. Und was passiert, wenn man Menschen erlaubt, ihrer Fantasie mit Einfühlungsvermögen und Vertrauen freien Lauf zu lassen.

Jeff Mannes ist Soziologe, Geschlechterwissenschaftler, Sexualpädagoge und bietet in Berlin Stadtführungen zu Sexualgeschichte, Clubkultur sowie queerer Geschichte an.

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