Erste Soloschau von Klara Lidén: „Wiederaneignung der gebauten Umwelt“
Die schwedische Künstlerin und Wahlberlinerin Klara Lidén thematisiert in Videos und Installationen mit Alltagsmaterialien wie Wellblech, Karton und Müll zivilen Ungehorsam sowie Leben und Normen im Stadtraum. Nun zeigen die KW Institute for Contemporary Art die erste institutionelle Einzelausstellung der renommierten Künstlerin in Berlin
Eine junge Frau, dick eingepackt, fährt mit einer S-Bahn durch das winterliche Stockholm, während eine Handkamera sie filmt. Zu einem Punksong beginnt sie unvermittelt durch den Wagen zu tanzen, wirft Jacke und Hose weg, benutzt die Haltestange zum Poledance, zwängt sich in die Gepäckablage. Die Gesichter einiger Mitfahrender drücken Belustigung oder Betretenheit aus, die meisten schauen weiter vor sich hin. Die Kameraperson steigt nach einer Weile aus und blickt der Bahn nach, in der die Frau weitertanzt.
So pointiert und unmittelbar sich die Isolation der Großstadtkulisse mit ihrem monotonen Rhythmus aufdrängt, so aufmüpfig, aber gleichzeitig nachdenklich und irgendwie rührend bäumt die Künstlerin sich dagegen auf.
Klara Lidéns Videoarbeit „Paralyzed“ und der Gestus der Künstlerin trafen in den frühen 2000ern einen Nerv: So pointiert und unmittelbar sich die Isolation der Großstadtkulisse mit ihrem monotonen Rhythmus aufdrängt, so aufmüpfig, aber gleichzeitig nachdenklich und irgendwie rührend bäumt die Künstlerin sich dagegen auf. In den KW ist ab Februar Lidéns Ausstellung „Kunstwerke“ zu sehen. Ihr Interesse daran, wie städtische Architektur und Infrastrukturen unsichtbare Grenzen und Normen zementieren und wie sich diesen unter Einsatz des eigenen Körpers widersetzt werden kann, verfolgt Lidén bis heute: „Einerseits bin ich diese arme Architektin, die sich mit den Problemen bestehender Strukturen in der Stadt auseinandersetzt, andererseits diese Laientänzerin oder -performerin, die der Baupraxis – oder der Wiederaneignung der gebauten Umwelt – Vorstellungen von Rhythmus zurückgeben möchte.”
Sehnsucht nach Underground
Mit „Kunstwerke“ startet Emma Enderby, Kuratorin und Direktorin der KW, das Jahresprogramm. „Obwohl Klara seit fast zwei Jahrzehnten in Berlin lebt, ist das ihre erste institutionelle Einzelausstellung in der Stadt – ein längst überfälliger Moment für eine Künstlerin, die Berlin zu ihrer Heimat, ihrem Ausgangsmaterial und ihrer Bühne gemacht hat“, so Enderby zur SIEGESSÄULE.
Über drei Stockwerke werden auch großformatige Skulpturen gezeigt. Das Material dafür sammelt oder entwendet Lidén aus dem Stadtraum: Mülleimer, Straßenlaternen und Stromkästen. „Die Ausstellung ist eine Übersicht, Klaras erste, mit Arbeiten von den 2000er-Jahren bis heute. Einige stammen direkt aus Mitte: Kartons aus dem Keller der KW und weggeworfene Weihnachtsbäume.“
Überall zeigt sich bei Lidén die Lust daran, von vorgeschriebenen Wegen abzuweichen, hinter Fassaden und Zäune zu blicken und sich durch Löcher und Ritzen zu zwängen – gerade, wenn es verboten ist. Im „Self Portrait with the Keys to the City“ präsentiert Lidén mit verschwörerisch heruntergezogener Cap die Werkzeuge, mit denen sie sich die Stadt erschließt: Bolzenschneider, Kneifzange, Taschenlampe. Neben Ungehorsam drückt sich darin auch eine Sehnsucht aus nach Orten, die sich der sozialen Kontrolle entziehen, Underground oder Queer Spaces.
„Gleichzeitig erinnern uns Klaras Videos und Interventionen daran, dass Städte und Körper keine Abstraktionen sind, sondern Choreografien von Bewegung, Zwängen, Widerstand und Möglichkeiten.“
„Gleichzeitig erinnern uns Klaras Videos und Interventionen daran, dass Städte und Körper keine Abstraktionen sind, sondern Choreografien von Bewegung, Zwängen, Widerstand und Möglichkeiten“, betont Enderby. Zentral ist dabei ein zunehmendes Interesse am politischen Potenzial queerer Körperlichkeit. In „Paralyzed“ performt Lidén als Poledancer, in aktuellen Arbeiten werden binäre Geschlechtercodes in Kleidung und Ausdruck klar vermieden.
Aktuell sind alternative Orte in Berlin wie Clubs, queere und migrantische Community- und Freizeiteinrichtungen oder freie Kunstinstitutionen in ihrer Existenz bedroht. Das „Stadtbild“ droht immer homogener und undurchdringlicher zu werden. Ein guter Zeitpunkt, sich an Lidén ein Vorbild zu nehmen: die Bolzenschneider auszupacken, eigene Wege zu bahnen und Räume einzunehmen.
Klara Lidén: Kunstwerke
21.02.–10.05.
Mi–Mo 11:00–19:00
KW Institute for Contemporary Art
Auguststr. 69, Mitte
kw-berlin.de
Folge uns auf Instagram
#Ausstellung#Installationen#KW Institute for Contemporary Art#Klara Lidén#Soloschau#ziviler Ungehorsam