Altersarmut und Einsamkeit bei LGBTIQ*

Altersarmut, Ausgrenzung und Einsamkeit: Laut aktuellen Altersberichten sind insbesondere LGBTIQ* betroffen. Im Gespräch mit SIEGESSÄULE erzählen sieben Senior*innen, wie es ihnen geht, was sie belastet und wie sie ihre Community gefunden haben
Gleichberechtigte Teilhabe im Alter? Das ist laut aktuellen Altersberichten in Deutschland keine Selbstverständlichkeit. Auch wenn Senior*innen immer vielfältiger leben, zeichnet sich gerade für ältere LGBTIQ*-Generationen ein düsteres Bild ab: Sie sind laut dem Altersbericht „Alt werden in Deutschland – Vielfalt der Potenziale und Ungleichheit der Teilhabechancen“, der Anfang dieses Jahres vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (bmfsfj) veröffentlicht wurde, besonders häufig von Altersarmut und Einsamkeit betroffen.
Um gegen Diskriminierung im Alter anzugehen, appelliert der Bericht für eine „diversitätssensible“ Gestaltung von Altenpflege. Umsetzbar ist das nur mit weiteren Förderungen. Sven Lehmann, Queerbeauftragter der Bundesregierung, zeigt sich gegenüber SIEGESSÄULE optimistisch. Dass dem Dachverband Lesben und Alter e. V. und der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS) eine erneute Projektförderung bis Ende 2026 zugesagt wurde, sei ein positives Zeichen.
Queeres Verstehen am Lebensort Vielfalt
Um sich ein Bild zu machen, wie es LGBTIQ* im Alter geht, sprach SIEGESSÄULE mit sieben Menschen über ihre Lebenssituation. Einer von ihnen ist Winfried Schneider, 80 Jahre alt, der Pädagogik, Soziologie und Psychologie studierte und einen Doktortitel trägt. Als ehemaliger Landtagskandidat der Grünen in Bayern hat er es auch mal mit der Politik versucht. Nach der Wende kehrte er nach Berlin zurück, heute lebt er in der Pflege-WG im Lebensort Vielfalt am Südkreuz. Aufgrund einer Nervenkrankheit und fast völliger Erblindung ist er heute auf Hilfe angewiesen. Er sagt, er sei „von der Weltanschauung her Anarchist“ und immer mit wenig Geld ausgekommen. Dass er für die Pflege jeden Monat 5.000 Euro von seinem Ersparten dazuzahlen muss, ist eine bittere Pille.

„Ich wäre dankbar, wenn Leute vorbeikämen und einige Stunden mit mir in meinem Rollstuhl rausgingen.“
Immerhin: Auf „Zuneigung“ müsse Winfried nicht verzichten. Insbesondere mit den trans* Personen unter den Pflegekräften verstehe er sich gut. Was ihm aber fehle, sei die Natur: „Ich wäre dankbar, wenn Leute vorbeikämen und einige Stunden mit mir in meinem Rollstuhl rausgingen.“
Einige Etagen höher lebt das Ehepaar Monika Mayerhofer-Kammann (76) und Elke Schliebe (81) in einer Wohnung, in der an diesem Nachmittag auch die Nachbar*innen Monalisa von Allenstein (61) und Annet am Kaffeetisch Platz genommen haben. Monalisa ist trans, war ursprünglich Pfarrer in der katholischen Kirche, wurde 2009 nach ihrem Outing „rausgeschmissen“ und konnte danach beruflich nicht mehr Fuß fassen. „Als ich plötzlich meinen Arbeitsplatz verlor, war ich vom einen auf den anderen Tag nicht mehr krankenversichert“, erzählt sie. Das habe sie sich „wieder erkämpft“; die Schwulenberatung habe sie dabei unterstützt. Aufgrund der Folgen einer Zeckenbisserkrankung ist sie auf ambulante Pflegehilfe angewiesen.
Monalisas Nachbarinnen Elke und Monika sind froh, mit anderen LGBTIQ* in einem Haus zu leben. „Wir sind hierhergezogen aus Gründen einer Eigenbedarfskündigung nach 33 Jahren“, so Monika. Elke, die zu DDR-Zeiten Leistungsturnerin war, ist inzwischen auf Hilfe bei der Körperpflege angewiesen. Vieles übernehme Monika, zusätzlich komme zweimal die Woche der Pflegedienst. Annet, die neben Monalisa sitzt, freut sich, im Lebensort Vielfalt ihren Platz gefunden zu haben. Ausschlaggebend für den Einzug war, dass sie sich zunehmend weniger belastbar fühlte. „Wo ich vorher wohnte, gab es keinen Fahrstuhl, und ich konnte die 64 Stufen immer schwerer hoch- und runterkommen, zumal ich 50 Grad Schwerbehinderung habe und zwölfmal operiert wurde.“ Als Pluspunkt sieht Annet, die sich als lesbisch, Butch und androgyn bezeichnet, dass sie sich hier im Haus und in der Umgebung „nicht erklären“ muss.
Wenn die Rente nicht reicht
Dass Community im Alter von besonderer Bedeutung ist, kann auch Bernd Kraft von Mann-O-Meter unterstreichen. Der 68-Jährige ist für die Altenarbeit 50+ von schwulen und bisexuellen Männern verantwortlich. Auch er fürchtet sich vor Armut im Alter. Die Rente, die er seit zwei Jahren beziehe, liege unter dem Sozialhilfesatz. „Das ist etwas, was viele der schwulen Männer meiner Generation betrifft. Wir sind in Berufe gegangen, wie in meinem Fall als Einzelhandelskaufmann, wo man weniger diskriminiert wurde, aber auch wenig verdient“, erzählt Bernd.
„Ich komme klar, sobald ich aber krank werde, bin ich von Armut betroffen.“
Er selbst habe zwar noch studiert und einige Jahre als Architekt gearbeitet, aber das reichte nicht, um die Zeit als Geringverdiener auszugleichen: „Ich komme klar, sobald ich aber krank werde, bin ich von Armut betroffen.“

Es gibt auch glückliche Ausnahmen, etwa Jan-Erik Jakki Damgaard von Lühmann, 69 Jahre alt, nicht binär. Jan ist bisher von Altersarmut und Pflegebedürftigkeit verschont geblieben. Vor zwölf Jahren war Jan aus Dänemark in den geschichtsträchtigen „roten Wedding“ gezogen und genießt es, seither „clean“ zu sein. Das Altern macht Jan keine Angst: „Ich mache Physiotherapie, Herz- und Rehasport, gehe auch zum Arzt, aber ich sehe das nicht als Altern, das gehört zu meinem Alltag.“ Um Senior*innen ein würdiges Leben im Alter zu garantieren, müssen entsprechende Projekte weiter gefördert werden. Altersarmut ist dagegen ein gesamtgesellschaftliches Problem, das die Bundesregierung angehen muss.
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